„In Soest bewegt sich was“ – Soester Gesichter

Digitalisierung hat viele Gesichter – Soest auch. In unserer neuen Reihe „Soester Gesichter“ möchten wir mit Personen sprechen, die in Soest leben oder arbeiten, und erfahren, was der digitale Wandel mit ihrem (Arbeits-)Leben macht und was sie sich vom Soest der Zukunft wünschen.

Hannah Winkler ist 26 Jahre alt, stammt aus Minden und hat vor kurzem ihr Referendariat am Soester Archigymnasium abgeschlossen. Damit ist sie nun Lehrerin für Mathematik und Informatik und bleibt dem Archigymnasium auch künftig als solche erhalten. Hannah Winkler lebt seit 2018 am Möhnesee, fühlt sich aber auch in Soest sehr wohl. Mit Hannah Winkler sind wir zum Thema Digitalisierung und deren Auswirkungen auf den Schulalltag ins Gespräch gekommen.

Zum Einstieg haben wir Hannah Winkler gebeten, sich zu entscheiden: dies oder das?

 

 

Frau Winkler, wo erleben Sie die Auswirkungen der Digitalisierung?

Im Arbeitsleben komme ich sehr stark mit der Digitalisierung in Berührung. Mittlerweile läuft bei uns nichts mehr ohne digitale Medien. Wir setzen diese im Unterricht und zur Kommunikation mit den Schüler*innen ein, nutzen sie aber ebenfalls für den Austausch der Lehrkräfte untereinander. Die Verständigung funktioniert schnell, Abstimmungen oder der Materialaustausch können bequem via Cloud vorgenommen werden. Das ist – vor allem im Moment – unverzichtbar.

Trotzdem merkt man, dass die Digitalisierung an den Schulen immer noch ausbaufähig ist, insbesondere auch im Bereich der Ausstattung. In den letzten Jahren ist dahingehend bereits viel passiert, aber es müsste beispielsweise auch eine verstärkte digitale Ausrichtung der Klassenräume erfolgen, um darin noch besser digital zu lernen. Hier fehlt es teilweise an vielen Schulen auch an WLAN-Zugängen.

 

Am Archigymnasium gibt es sogenannte „iPad-Klassen“. Können Sie uns darüber etwas erzählen?

Wir haben die iPad-Klassen mittlerweile in drei Jahrgangsstufen eingeführt. Bei der Anmeldung an der Schule konnten sich die Schülerinnen und Schüler entscheiden, ob man einer der iPad-Klassen zugeordnet werden möchte. Das Profil war so beliebt, dass wir in den letzten Jahren Probleme hatten, die anderen Klassen zu füllen. Ab dem kommenden Jahr gibt es nur noch iPad-Klassen.

Für die Schüler*innen gibt es Finanzierungshilfen, z. B. in Form von Ratenzahlungen, falls es innerhalb der Familie Probleme mit der Finanzierung der Geräte geben sollte. Die Lehrer*innen statten sich ebenfalls privat mit entsprechenden Geräten aus.

 

Was sind die Unterschiede dieser iPad-Klassen zu den herkömmlich unterrichteten Klassen?

Mit den iPad-Klassen kann man sehr gut digital arbeiten und das führt zu einer völlig anderen Art des Unterrichtens. Es gibt digitale Bücher, in denen man interaktiv Aufgaben bearbeiten kann und direkt ein Feedback erhält. Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten beim Thema Bruchrechnen in einer 6. Klasse digital und werden in das Thema über die Zuordnung von animierten Pizzastücken herangeführt. Dieses entdeckende Lernen wird über das iPad viel leichter ermöglicht.

Mit den iPads sparen wir auch Papier, ein positiver Aspekt für den Umweltschutz. Wir verzichten aber nicht komplett auf Stifte und Zettel. Das iPad sollte die analogen Medien nicht komplett ersetzen, sondern eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Es wäre auch schwierig, eine Klassenarbeit mit dem iPad zu schreiben.

 

Macht der Einsatz der Geräte das Lernen oder auch das Unterrichten manchmal schwieriger?

Die Nutzung der Geräte birgt ein gewisses Ablenkungspotential. Natürlich gibt es das auch bei anderen Medien – zum Beispiel, wenn ich mit meinem Sitznachbarn „Galgenmännchen“ auf einem Blatt Papier spiele. Aber es ist so, dass die digitalen Medien ein größeres Feld eröffnen, man kann z. B. schnell eine Internetseite öffnen oder ein Video bei YouTube ansehen. Hier ist es schon wichtig, die Schüler*innen richtig zu begleiten und zu erziehen, auch in der Schule. Grundsätzlich finde ich meine Soester Schüler*innen aber sehr pflegeleicht, das kenne ich aus anderen Schulen auch anders.

 

Wenn so viel digital bei Ihnen läuft: Sammeln Sie in der Schule eigentlich noch Smartphones ein? Und wenn ja, wie viele?

Das kommt immer auf die Situation an: Im Unterricht bitte ich die Schüler*innen häufig, die Smartphones rauszuholen und kurz auf Mentimeter abzustimmen. Bei Aufsichten passiert das aber tatsächlich ab und zu. Ich finde, die Pause ist dafür da, dass die Kinder sich draußen bewegen. Da sammele ich schon ab und zu ein paar Smartphones ein, aber die kriegen sie natürlich am Ende des Tages wieder.

 

Verändert die Digitalisierung auch den Lehrplan? Fehlen vielleicht Schulfächer wie Medienkompetenz?

Die Medienerziehung passiert eigentlich schon während des Arbeitens mit den Geräten. In den Sozialwissenschaften gibt es zu diesem Thema auch einzelne Unterrichtssequenzen, wo das Thema Digitalisierung kritisch hinterfragt wird und zum Beispiel über Suchtpotential gesprochen wird. Das gibt es im Informatikunterricht auch und beides lässt sich sehr gut miteinander verknüpfen, dazu gibt es auch das Fach „Informationstechnische Grundlagen“ und das Themenfeld Informatik, Mensch und Gesellschaft.  Dort sprechen wir auch über Themen wie Open Source Lizenzen oder Datenschutz. Mir als Informatik-Lehrerin ist aber hier auch wichtig, dass die Kinder nicht nur lernen, wie sie mit den Geräten umgehen, sondern auch, was im Detail dahintersteckt.

 

Und muss man bestimmte Inhalte vielleicht nicht mehr lernen?

Manche Lerninhalte werden weniger wichtig und andere gewinnen dafür an Bedeutung. In der Mathematik ist es beispielsweise sehr offensichtlich, dass das „rezeptartige Herunterleiern von Schritten“ viel weniger wird. Wenn ich ein lineares Gleichungssystem händisch löse, hat man daran früher Stunden geübt. Im Beruf fragt niemand mehr danach, ob man das händisch lösen kann. Da geht es darum, ob das, was hinter dem Gleichungssystem steckt, interpretiert werden kann. Das ist im Prinzip wichtiger geworden – die Interpretation im Kontext und die Modellierungskompetenz. Wir können da mit unseren Lehrplänen nicht einfach stehen bleiben. Es geht darum, die Kinder auf das Leben vorzubereiten.

 

Gibt es auch Aspekte, die Sie kritisch sehen?

Schwierig wird es immer dann, wenn entweder die technischen Voraussetzungen nicht da sind oder wenn man wenige Informationen zum Thema Datenschutz erhält. Hier stellen Schulen einen besonders sensiblen Bereich dar. Da würde ich mir auch mehr Informationen und Regelungen seitens der Regierungen wünschen. Mit den iPads können wir das im Moment gut absichern, alle Plattformen, mit denen wir arbeiten, haben deutsche Server oder die Server stehen sogar bei uns in der Schule, aber manchmal bewegt man sich in einer Grauzone. Hier möchten wir klarere Regeln.

 

Thematisieren wir digitale Stadtentwicklung: wie wollen wir miteinander leben vor dem Hintergrund der Digitalisierung – ist für so etwas Raum in den Lehrplänen?

Wir sprechen viel über digitale Schulentwicklung, auch teilweise mit den Schüler*innen – insbesondere in der AG-Arbeit. Wir haben jetzt zum Beispiel eine automatische Bewässerungsanlage für unseren Schulgarten gebaut, oder haben auch die Klimasensoren, die im Rahmen des Projekts BürgerWOLKE bei uns installiert werden. Was die Stadtentwicklung angeht – das wäre vielleicht ein sehr spannendes Thema, das auch im Unterricht einmal thematisiert und weitergedacht werden könnte. Man merkt schon, dass Schüler*innen einen ganz anderen Blick auf viele Themen und Fragestellungen haben.

 

Wie stellen Sie sich die Schule der Zukunft vor?

Ich kann mir vorstellen, dass Schule noch digitaler und noch offener wird. Also vielleicht offene Lernzeiten, wo Schüler*innen mit ihren Geräten freier lernen können. Auch die Bereiche Augmented Reality und Virtual Reality kann man sicher toll in die Schule einbinden, da können die Kinder beim Lernen viel mehr erleben– zum Beispiel indem sie im Geschichtsunterricht mit der VR-Brille durch das alte Ägypten wandern. Durch die Digitalisierung werden auch viel speziellere Bereiche möglich. Wir machen zum Beispiel auch viel über E-Twinning, was bedeutet, dass Schüler*innen sich mit anderen aus Europa vernetzen, kommunizieren und gemeinsame Unterrichtsstunden mit verschiedenen Schüler*innen aus unterschiedlichen Ländern gleichzeitig starten.

 

Und was erwarten Sie von Soest in zehn, zwanzig Jahren?

Ich stelle mir Soest als eine Stadt vor, die das Traditionelle mit dem Neuen verbindet. Der Fachwerkhaus-Charme, vielleicht ergänzt durch digitale Stadtrundgänge mit VR oder Hologrammen. Auch in Sachen Mobilität wird sich viel tun. Ich glaube nicht, dass wir noch so viele Autos hier in den Innenstädten haben werden – sondern vielleicht auch autonome Taxen oder E-Busse. Wenn man die vielen Autos in der Innenstadt unterbindet, wird es für die Radfahrer sicherer und die Luft besser. So kann Soest noch viel grüner und umweltfreundlicher werden. Ob wir von Lufttaxis schon träumen können, weiß ich nicht. Dazu habe ich aber mit meinen Schülern auch schonmal eine Reihe gemacht.

 

Eine letzte Frage haben wir noch: Wenn Sie jetzt draußen vor der Tür eine Fee treffen würden: Was sind Ihre drei Wünsche für Soest, für die Schule oder für sich?

Der erste Wunsch wäre, dass wir es schaffen, hier noch besser den Umweltschutz zu integrieren, denn davon hängt die Zukunft ab. Das ist auch der wichtigste Wunsch für mich. Der zweite Wunsch wäre ein noch besserer Breitbandanschluss für die Industrie und Bildungseinrichtungen, aber da ist die Stadt auch schon dran. Und ich wünsche mir, dass wir trotz der neuen digitalen Medien das Zwischenmenschliche nicht verlieren und dass das Digitale echte Gespräche nicht ersetzt, sondern bereichert.

Mit Hannah Winkler sprachen Kerstin Großbröhmer (Digitale Modellregionen) und Judith Sümmermann (Smart City Projekt soesmart).

Äußerungen unserer Gesprächspartner*innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Das stadtLABOR macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner*innen in Interviews und Diskussionen nicht zu Eigen.

Bildquelle: Kerstin Großbröhmer

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