Reif für die Insel – ein ganz persönlicher Corona-Reisebericht

Eine Flaschenpost am Strand finden, Sternschnuppennächte beobachten, ein Ufo bauen – das Spiel „Animal Crossing – New Horizons“ bietet besondere Erlebnisse im heile-Welt-Modus. Das Spiel erschien im März, ein paar Tage nachdem die Geschäfte aufgrund von Corona schließen mussten. Kurz darauf folgte die Empfehlung, das Haus nur noch für dringende Besorgungen zu verlassen und soziale Kontakte zu vermeiden. Wie viele andere auch, verweilte ich in dieser Zeit hauptsächlich in meinen eigenen vier Wänden und damit auch immer öfter auf meiner kleinen Insel.

Bei meiner Ankunft am Insel-Flughafen zu Spielbeginn begrüßt mich der Initiator des Insel-Abenteuers. Tom Nook, ein Waschbär und Geschäfts-bär, geleitet mich zu meinem Zelt, stellt mich den beiden weiteren Bewohner*innen der noch unbebauten Insel vor und erklärt mir die nächsten Schritte. Vor mir liegt eine Menge Arbeit. Ich fälle Bäume, fange Insekten und Fische, gebe diese an eine naturforschende Eule ab, die dann ein Museum baut und lade weitere Bewohner*innen auf die Insel ein. Diese kommen entweder zum Urlaub auf meinen Campingplatz und entscheiden sich dann zu bleiben oder ich treffe sie auf anderen Inseln. Während all dieser Tätigkeiten, zu denen auch das Pflanzen von bunten Blumen und das Dekorieren meines durch Tom Nook erbauten Hauses gehören, gibt es keinen Zeitdruck und kein wechselndes Schwierigkeitslevel wie man es aus anderen Spielen kennt. So gestalte ich meine Insel weiter, indem ich Dino-Skulpturen vor dem Museum aufbaue, Möbel bastele und manchmal Erledigungen für die Bewohner*innen mache. Auf Social Media tauchen derweil die ersten Screenshots von prächtig designten Städtchen auf, die fleißig kommentiert und geliked werden. Genau hier liegt der Reiz des Spiels:  Community.

Über das Phänomen Animal Crossing in Verbindung mit diesem auf die sozialen Netzwerke übergreifenden, sozialen Aspekt wurde in den letzten Wochen in zahlreichen Zeitungen berichtet. Denn nicht nur ich habe mich von der seichten Inselwelt verzaubern lassen, sondern auch noch Millionen andere. Viele Spielende berichten davon, wie beruhigend sie die Spielzeit empfinden und wie das Spiel sie mit Menschen verbindet, mit denen sie seit Monaten keinen Kontakt mehr hatten. Man trifft sich, zeigt den anderen seine Fortschritte und hilft sich gegenseitig. Mit einem kurzen Besuch auf einer anderen Insel kann ich zum Beispiel meine lokalen Früchte zu einem höheren Preis verkaufen. Außerdem werden dort in den Geschäften andere Dinge verkauft, als bei mir. Manchmal schicke ich meinen Freund*innen Geschenke per Post und schreibe eine Karte dazu. Einer der besten Momente ist aber, wenn es in der „AC“-Whatsapp Gruppe heißt: „Heute ist bei mir Sternschnuppennacht. Wer mag vorbeikommen?“ Dann werfen wir uns alle in unsere prächtigsten Outfits und strömen auf die besagte Insel, wo wir zuerst eine Tour bekommen, durch die Läden stöbern und mit den Bewohner*innen reden, bevor wir am Strand gemeinsam die Sternschnuppen bewundern, die am Nachthimmel vorbei ziehen. Wenn man sich zum richtigen Zeitpunkt etwas wünscht, liegt am nächsten Morgen ein Sternensplitter am eigenen Strand, den man zu ganz besonderen Items verarbeiten kann.

Mit vielen Menschen, die Animal Crossing ebenfalls in der Anfangszeit der Pandemie gespielt haben, habe ich mich darüber ausgetauscht, wie sehr uns das Spiel in der Zeit, als man das Haus nicht verlassen konnte, geholfen hat. Wir haben in der kleinen Insel und der dazugehörigen Community nicht nur eine kleine Auszeit vom Alltag, sondern auch neue Kontakte und Freundschaften gefunden. In Zeitungsartikeln wird von Geburtstagen, Hochzeiten und Gruppentherapie-Meetings berichtet, die im Spiel stattgefunden haben. Ein Pariser Modelabel veranstaltete sogar eine Fashion Show innerhalb des Spiels, um dort seine neue Kollektion zu zeigen.  Animal Crossing wurde nicht nur zum Trend, sondern konnte in der Zeit des Social Distancing eine Abwechslung zu Video Call oder Textnachrichten bieten und hat Menschen auf spielerische Art und Weise zusammengeführt.

Mittlerweile bin ich nicht mehr so oft auf der Insel, denn jetzt kann ich meine sozialen Kontakte ja wieder im realen Leben führen. Mich hat das Spiel aber z.B. auch dazu inspiriert mal wieder echte Postkarten und Briefe zu verschicken. Das Spiel kann die realen Kontakte nicht ersetzen, doch es ermöglicht uns unsere Freund*innen in einem anderen Rahmen zu besuchen, wenn die Situation es erfordert zuhause zu bleiben. Sollte es einen weiteren Lockdown geben, weiß ich, dass ich mit Animal Crossing auf jeden Fall einen Weg habe, um abzuschalten und Zeit mit ein paar Freund*innen zu verbringen.

 

Juliane Henning

Bildquelle: Sara Kurfess/Unsplash

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