„In einem Land vor unserer Zeit“ – Soester Gesichter

Digitalisierung hat viele Gesichter – Soest auch. In unserer neuen Reihe „Soester Gesichter“ möchten wir mit Soester Bürger*innen sprechen und erfahren, was der digitale Wandel mit ihren (Arbeits-)Leben macht und was sie sich vom Soest der Zukunft wünschen.

 

Richard Nüsken ist 37 Jahre alt und gebürtiger Soester. Einige Jahre lang hat er Soest zur Horizonterweiterung den Rücken gekehrt und in Kanada und Essen gelebt. Zur Gründung einer eigenen Familie zog es ihn wieder in die Heimat. Richard Nüsken ist gelernter Veranstaltungstechniker mit den Schwerpunkten Beleuchtung und Videotechnik.

Seit 2013 ist er angestellter Filmtheaterleiter des Kinos im „Kulturhaus Alter Schlachthof“ in Soest. Im vergangenen Jahr konnte das Schlachthofkino einen Rekord verzeichnen – noch nie wurden dort so viele Kinotickets verkauft, wie in 2019. Wieso das so ist und was die Digitalisierung damit vielleicht zu tun hat, das haben wir Richard Nüsken gefragt.

Doch zum Einstieg haben wir Richard Nüsken erst gebeten, sich zu entscheiden: dies oder das? 

 

Herr Nüsken, wo kommen Sie mit Digitalisierung in Berührung?

Ich mache meinen Job im Schlachthof-Kino seit 2013, kenne das Kino aber schon seit 2001. Ich merke, dass in der Abwicklung hinter, aber auch vor den Kulissen immer mehr digitalisiert wird. Dies betrifft beispielsweise die Auswahl der Filme für das Schlachthof-Kino. Früher lief dies über Werberatschläge und Zeitschriften. Heute funktioniert dies vor allem durch Filmdatenbanken oder Newsletter von Filmverleihern. 

Der größte Schritt war vor fast zehn Jahren, als wir von der analogen 35 mm Filmprojektion hin zur digitalen Projektion gewechselt sind. Der Schritt war so groß, dass er auch einigen Kinos das Leben gekostet hat. Bei uns hat sich alles sehr gut eingespielt. Das heißt, dass ich mittlerweile niemals den Schritt zurückgehen würde, auch, wenn der Verlust des Nostalgie-Faktors sicherlich ein Thema ist. Gerade in der reinen Projektionstechnik gibt es eigentlich nichts Besseres, als das digitale Abspielformat. Ich kann beispielsweise auch mal einen fremdsprachigen Film mit der gleichen Filmkopie zeigen, muss nur eine andere Tonspur auswählen, ich habe digitale Trailer und bin nicht mehr von einem Spediteur abhängig, der mich beliefert, da die digitalen Filme mittlerweile auch zu 99 Prozent via Internetleitung an uns übertragen werden.

Auch der Ablauf hinter den Kulissen vor dem Filmstart ist dann weitestgehend digital. Ich drücke also nur noch auf „Play“ und es geht los: Das Saallicht geht aus, der Vorhang öffnet sich an der richtigen Stelle, Lautstärken und Bildformate werden automatisch so angepasst, wie ich es vorher eingestellt habe und am Ende des Films geht alles wieder Retour.

Das hört sich tatsächlich nicht nach besonders viel Nostalgie an. Vermissen Sie durch die Digitalisierung etwas im Vergleich zu früheren – analogen – Zeiten? Hat die Digitalisierung vielleicht etwas Schönes weggenommen?

Es sind sehr persönliche Erfahrungen. Ich habe acht Jahre lang als Filmvorführer im Schlachthof-Kino gearbeitet, den Beruf gibt es heutzutage gar nicht mehr. Das war natürlich klasse und hat viel Spaß gemacht! Wir haben mit einem Filmprojektor aus dem alten Burgtheater (Anmerkung: ehemaliges Kino in Soest) gearbeitet, an dem man noch viel selber machen konnte. Das Gerät musste gelegentlich geölt oder eine Schraube musste nachgezogen werden. Immer mittwochsabends kam der Filmspediteur zum Kino, wollte den alten Film mitnehmen und den neuen Film bringen. Solche Begegnungen waren immer sehr nett. Das gibt es heute alles natürlich nicht mehr. Und mit dem Rattern des Filmes durch den Projektor fehlt mir persönlich ein Stück Nostalgie. Es gibt hier und da mal Filme von Quentin Tarantino oder Christopher Nolan, die für ausgewählte Kinos analog herausgebracht werden – das ist dann aber eher ein Marketing-Gag und nicht wirklich von Nutzen.

Wo unterstützt Sie die Digitalisierung?

Die Digitalisierung hilft in jedem Fall in unserem neuen Kassensystem. Erst 2013 haben wir die nostalgische Kinokasse durch ein elektronisches Kassensystem ersetzt und ab 2019 ein ganz neues Kassensystem mit Online-Ticketing eingeführt. Das Online-Ticketing hat kaum Hürden und führt viele Besucher*innen unserer Homepage dazu, nach der Programmsuche auch direkt Kinokarten zu reservieren oder direkt zu kaufen. Das ist wirklich eine gute Neuerung. Während der aktuellen Corona-Pandemie reservieren oder kaufen circa 90 Prozent unserer Gäste ihre Tickets vor der Vorstellung bereits online. Durch das neue Kassensystem sind wir außerdem besser bei den großen Suchmaschinen im Internet gelistet – es gibt sogar Datenbanken, die unsere Veranstaltungen bei Facebook abgreifen und auf deren Datenbanken abbilden. Wir haben durch das neue System also eine deutlich höhere Reichweite. Das führt zum Besuch vieler auswärtiger Gäste aus dem Sauerland, dem Ruhrgebiet oder dem Münsterland in unserem Kino, die teilweise eine Stunde Fahrtzeit oder mehr in Kauf nehmen, um unser Kinoprogramm zu sehen. In 2019 hatten wir einen Rekord. Wir haben noch nie so viele Kinokarten verkauft, wie im letzten Jahr. Das waren knapp 20.000 Tickets bei einem 89-Plätze-Saal und etwa 750 Vorstellungen im Jahr. Durch die Corona-Pandemie kann natürlich nun kaum eingeschätzt werden, welches Ergebnis wir in diesem Jahr haben werden. Aktuell können wir nur etwa 22 bis 24 Personen realistisch in den Kinosaal setzen.

Was sehen Sie vielleicht kritisch beim digitalen Wandel?

Als störend empfinde ich die Digitalisierung überall da, wo sie mich eigentlich erleichtern sollte, die Abwicklung an sich aber aufwendiger geworden ist. Das beste Beispiel ist hier die GEMA-Anmeldung, die inzwischen komplett online läuft. Wenn ich eine Beschwerde habe oder eine Abrechnung falsch ist, kann ich dort mittlerweile nicht mehr anrufen – es muss eine E-Mail formuliert werden. Vorher konnte das schnell und einfach über das Telefon erledigt werden. Auch das Marketing ist aufwendiger geworden. Mittlerweile bespiele ich zusätzlich zu unserer Homepage auch Facebook und Instagram. Vor ein paar Jahren genügte es noch, unseren Flyer zu gestalten und das Kinoprogramm in der Zeitung anzukündigen. Das machen wir auch weiterhin – die Arbeit in den sozialen Medien kommt dann aber noch „on top“ dazu.

Wie stellen Sie sich die Kinozukunft in 20 Jahren vor?

Für die Zukunft hoffe ich, dass unsere Gäste immer noch das analoge Erlebnis „ins Kino gehen“ gutheißen und sich nicht weiter zu Hause einkapseln. Der digitale Filmgenuss zu Hause kann niemals das analoge Erlebnis ersetzen, rauszugehen. Fast niemand erinnert sich an den ersten Netflix-Film, aber fast jeder Mensch weiß noch, welches der erste Film war, den man im Kino gesehen hat. Bei mir war es zum Beispiel „In einem Land vor unserer Zeit“ und danach ging es fast jede Woche ins Kino. Das werde ich nie vergessen.

Insbesondere hier im Schlachthof bieten wir ein solches Erlebnis aus der Kombination von Gaststätte, Restaurant und Kino. Da bieten wir den Gästen ja tatsächlich ein Gemeinschaftserlebnis, das hoffentlich auch in 20 Jahren noch einen hohen Stellenwert hat. Weiterhin hoffe ich, dass wir in der Zukunft auch weiterhin so gute Filme wie heute zeigen können.

Was wünschen Sie sich für die Soester Zukunft?

Ich fände es wünschenswert, wenn Soest nicht nur eine wohnenswerte, sondern auch eine lebenswerte Stadt bliebe. Ich sehe aktuell eine große Entwicklung im Bereich „Wohnen“, aber nicht im Bereich „Leben“. Politik und Verwaltung können natürlich nur Rahmenbedingungen schaffen – die Bürger*innen müssen sich aber auch mit eigenen Ideen selbstständig auf den Weg machen. Die Leute brauchen aber auch einen Ansatz und niedrige Hürden sowie geeignete Immobilien. Es wäre toll, wenn Leerstände auch anders genutzt würden und nicht nur als Wohnraum. Denn dann wohnen wir zwar alle in Soest, aber leben nicht mehr hier. Das ist meine Sorge, insbesondere auch, da viele Läden und Lokale durch Corona unter einem hohen Druck stehen. Größere Städte bieten in einzelnen Stadtvierteln besondere Geschäfte an, zum Beispiel einen Craftbeer-Laden, der abends noch ein Bier-Tasting organisiert. Das hat auch etwas mit einer anderen Lebensart zu tun. In Soest kann man dies an einigen Stellen auch zaghaft beobachten, zum Beispiel durch die monatliche Öffnung der Vintage-Klitsche in der Thomästraße oder die Entwicklung eines Umsonst-Basars, der einmal im Monat am Alten Schlachthof stattfindet. Das könnte in der Menge aber deutlich mehr sein. Diese Gruppen würden aber geeignete feste Räume oder sogar ein eigenes Quartier benötigen, Stichwort Dresdner Neustadt.

Insgesamt haben wir schon eine sehr lebenswerte Stadt, die es so zu erhalten gibt. Wir sollten weiterhin zusammenkommen und gemeinschaftliche Erlebnisse haben. Noch mehr Soester*innen sollten das wertschätzen, was sie haben und sich nicht nur beklagen, sondern das nutzen, was es hier gibt.

Haben Sie noch einen Filmtipp für uns?

Na klar, ab dem 19.10.2020 läuft an drei Abenden „972 Breakdowns – Auf dem Landweg nach New York“. Das ist eine Dokumentation über junge deutsche Künstler, die sich mit Beiwagen-Motorrädern auf den Weg von Russland bis nach New York aufmachen. Sehr empfehlenswert!

 

Mit Richard Nüsken sprachen Kerstin Großbröhmer (Digitale Modellregionen) und Judith Sümmermann (Smart City Projekt soesmart).

Äußerungen unserer Gesprächspartner*innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Das stadtLABOR macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner*innen in Interviews und Diskussionen nicht zu Eigen.

Bildquelle: Kerstin Großbröhmer

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