„Die digitale Welt hält auch in der Kirche Einzug“ – Soester Gesichter

Digitalisierung hat viele Gesichter – Soest auch. In unserer Reihe „Soester Gesichter“ möchten wir mit Personen sprechen, die in Soest leben oder arbeiten, und erfahren, was der digitale Wandel mit ihrem (Arbeits-)Leben macht und was sie sich vom Soest der Zukunft wünschen.

Bernd-Heiner Röger ist 62 Jahre alt und seit dem Jahr 2002 Pfarrer in der Soester Petri-Pauli-Gemeinde.

Geboren und aufgewachsen in Siegen hat Pfarrer Röger schon sehr früh seine Berufung zum Pfarrer verspürt. Bereits als Kind und Jugendlicher engagierte er sich gerne in der Kirche. Auch als Pfarrer liegt sein Schwerpunkt bis heute in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit vom Kindergarten bis zu seinen Konfirmandinnen und Konfirmanden. Pfarrer Röger ist fasziniert von den Baustilen mittelalterlicher Gebäude – perfekt also, um sich in Soest mit seiner historischen Optik wohlzufühlen.

Mit Pfarrer Röger sind wir ins Gespräch über die Rolle der Kirche zwischen analogen Traditionen und dem digitalen Wandel gekommen.

Zum Einstieg haben wir Pfarrer Röger gebeten, sich zu entscheiden: dies oder das?

 

Dies oder Das

 

Pfarrer Röger, wo kommen Sie mit Digitalisierung in Berührung?

Kirche ist ein Bereich, der stark analog läuft, weil es sich die Menschen so wünschen, aber man merkt schon, dass die digitale Welt auch hier Einzug hält. Heute ruft bei mir kaum noch jemand an, wenn ein Kind zur Taufe oder eine Trauung angemeldet werden soll. Mittlerweile bekomme ich eine E-Mail oder werde in den Sozialen Medien angeschrieben. Ich melde mich dann auf dem gleichen Weg zurück, schicke Liedervorschläge als YouTube-Link. Da hat sich der Umgang schon stark verändert.

Auch bei Einladungen zu Veranstaltungen spielt Digitalisierung für uns als Gemeinde eine Rolle. Als ich vor Jahren meinen Dienst in Petri-Pauli angetreten habe, wurden Nachrichten, Veranstaltungen und Ähnliches in der Lokalzeitung veröffentlicht. Damit wusste dann die gesamte Stadt Bescheid. Heute ist es wichtig, auf vielen Kanälen gleichzeitig zu werben und Themen dort zu veröffentlichen, also in Print? und im Internet. Da fehlt es der Petri-Pauli-Gemeinde leider noch an einem professionellen Social Media Account, obwohl feststellbar ist, dass die Dinge dort stark zusammenlaufen.

 

Inwiefern hat die Corona-Pandemie Ihren Umgang mit Digitalisierung verändert?

Digitalisierung hat für uns auch in Sachen Kommunikation einen großen Schub bekommen, insbesondere durch die Corona-Pandemie. Während des ersten großen Lockdowns haben wir begonnen, Videogottesdienste zu drehen und unsere internen Besprechungen zu Videokonferenzen verändert. Die ersten Gottesdienste, die wir veröffentlicht haben, hatten anschließend bis zu 1.000 Klicks auf YouTube. In dieser Zeit wurde ich auch oftmals auf der Straße angesprochen, dass diese Online-Gottesdienste gut angenommen wurden – teilweise auch von Menschen, die sonst nie in den Gottesdienst gehen. Die Flexibilität war für viele da ein großes Plus. Denn wer keine Lust hat, sonntags um 10 Uhr den Gottesdienst zu besuchen, konnte sich den Mitschnitt auch bequem am Abend auf der Couch ansehen. Auf der anderen Seite habe ich persönlich nach einigen Wochen schon das Zwischenmenschliche mit den Gemeindemitgliedern vermisst. Diese Rückmeldung ist auch von vielen Gläubigen gegeben worden. Das gemeinsame Singen und Beten fehlten, Abendmahl feiern und Gemeinschaft erleben war digital eben nicht möglich. Und hier zeigte sich auch sehr stark, dass Vieles digital möglich ist, aber eben nicht alles.

 

Wo unterstützt Sie die Digitalisierung und was empfinden Sie eher als negativ?

Vorteile bietet die Digitalisierung auch in der Kirche bei allem, was geplant oder organisiert werden muss. Hier sind digitale Werkzeuge eine große Erleichterung. Ein Nachteil ist die ständige Erreichbarkeit. Man wird auch abends, nachts und am Wochenende regelmäßig kontaktiert. Auch Urlaubs- und Dienstzeiten sind schwieriger auseinanderzuhalten. Da steckt man häufig in einem Dauerzustand der Kommunikation, deren Qualität teilweise abgenommen hat.

 

Sie haben eben gesagt, dass sich die Menschen noch sehr stark eine „analoge Kirche“ wünschen. Wodurch zeigt sich das genau?

Da muss ich sehr stark zwischen den Generationen unterscheiden. Taufen und Trauungen erlebe ich in der Regel mit Menschen unter 40 Lebensjahren. Das sind jene, die sehr stark digital kommunizieren. Bei Älteren ist das merklich weniger der Fall. Zum Beispiel erhalte ich bei Organisationen rund um den Seniorenkreis nur selten eine E-Mail, da läuft alles über Telefonate. Es hat sich auch gezeigt, dass viele Jüngere eine niedrigere Hemmschwelle bei der Kontaktaufnahme verspüren, wenn sie sich über digitale Wege an ihre Pfarrerin oder ihren Pfarrer wenden können. Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden führe ich digital Gespräche, die analog nie stattfinden würden. Über neue Medien kommt man mit jungen Leuten ganz anders ins Gespräch. Das ist eindeutig eine Stärke der Digitalisierung und ich versuche häufig, diese Stärken auch den kritischeren, oftmals älteren Gemeindemitgliedern, zu vermitteln.

Ansonsten muss man unterscheiden: Gedankenanstöße kann man auch digital vermitteln. Die erhalte ich auch als Pfarrer, wann ich mir etwas Passendes anhöre oder ansehe. Auch Seelsorge kann digital funktionieren bzw. als Telefonseelsorge, auch wenn analog noch einmal eine andere Nähe entsteht. Aber Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit entstehen analog. Eine Konfirmandenfahrt mit Übernachtung lässt sich durch kein digitales Angebot ersetzen. Und viele ältere Gemeindeglieder vermissen einfach ihren vertrauten Kreis, mit dem sie sich real treffen.

 

Sieht sich die Kirche bei älteren Menschen und dem Thema Digitalisierung auch in einer helfenden Rolle?

In der Petri-Pauli-Gemeinde gibt es schon seit vielen Jahren einen Internettreff, der durch einen Verein betreut wird. Manche ältere Menschen wollen sich auf die neue digitale Welt nicht mehr einlassen, aber andere sind sehr neugierig. Ein schönes Beispiel war die Anfrage einer älteren Dame, die nach einer Konfirmandin suchte, die ihr privat ein paar Nachhilfestunden zur Handynutzung geben würde. Das hat geklappt und beide waren glücklich. Da konnten Generationen im Rahmen der Digitalisierung tatsächlich zusammengebracht werden.

 

Was erwarten Sie von der Soester Zukunft?

Ich erwarte, dass Soest noch weiterwachsen wird. Man wohnt hier gerne, denn die Stadt ist nicht überaltert und hat viel zu bieten. Da wird der Zulauf sicher zunehmen. Das ist ein Kompliment für Soest, könnte aber die bereits hohen Preise weiter in die Höhe treiben. Das fände ich schade. Außerdem bin ich gespannt wie sich die Nachhaltigkeitsdebatte, die ja auch im Wahlkampf ein großes Thema war, weiter auswirken wird.

 

Was tun Sie dafür, damit es eine Zukunft wird, wie Sie sie sich wünschen?

Langfristig werde ich auch nicht in Soest bleiben, da das hier mein Arbeitsplatz ist, ich aber im Ruhestand an einem anderen Ort leben werde. Hier Pfarrer zu sein ist sehr, sehr spannend, da die Menschen hier sehr aktiv sind und sich engagieren. Das wird sicher auch in Zukunft so bleiben.

 

Was wünschen Sie sich für Soest und für die Menschen, die hierbleiben oder neu ankommen?

Mein Herz schlägt da sehr für die Senior*innen. Die sollten bei digitalen Prozessen nicht abgehängt werden. Ich wünsche mir aber auch, dass Menschen die Kirchen weiterhin unterstützen. Soest wäre ohne seine alten Kirchen nur die Hälfte wert. Die Aufgabe, die Kirchen als Gebäude zu erhalten, sollte eine Gesamtaufgabe für Soest sein, nicht nur für die, die religiös sind. Das Stadtbild ist stark durch die Kirchen geprägt und für Viele ein großer Anziehungspunkt. Ich wünsche mir sehr, dass das bewahrt wird.

 

Mit Bernd-Heiner Röger sprachen Juliane Henning (Digitale Modellregionen) und Judith Sümmermann (Smart City Projekt soesmart).

Äußerungen unserer Gesprächspartner*innen geben deren eigene Auffassungen wieder. Das StadtLABOR macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner*innen in Interviews und Diskussionen nicht zu Eigen.

Soester Gesichter: Pfarrer Röger
Bildquelle: juliane henning
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