20 Jahre Wikipedia: ein persönlicher Geburtstagsgruß

„Liebe Leser*innen, bitte verzeihen Sie die Störung.“ So fängt er immer an, der Text des Pop-Up-Banner beim jährlichen Spendenaufruf der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Für mehrere Wochen gegen Jahresende erscheint er jedes Mal, wenn ich dort irgendetwas nachschlage. Zu dem Aufruf gehört auch ein Balken, der anzeigt, wie viel bereits gespendet wurde und was das Spendenziel ist. 2020 war das Ziel 8,7 Mio. €.

Ich bin ehrlich: Bis zu diesem Jahr konnte ich mich dem voll und ganz anschließen, was auch die meisten anderen Menschen über dieses immer wieder auftretende Phänomen zu denken scheinen – jedenfalls, wenn man das zugrunde legt, was Google mir dazu vorschlägt, wie die Wörter „Wikipedia“ und „Spendenaufruf“ ergänzt werden könnten: „Wikipedia Spendenaufruf nervt“, „Wikipedia Spendenaufruf Fake“, „Wikipedia Spendenaufruf blockieren“ und „Wikipedia Spendenaufruf ausblenden“ sind die Top-Vorschläge. Ja, ich war stets genervt von dem Banner, vor allem, wenn ich übers Telefon etwas nachlesen wollte.

Aber da war auch immer das schlechte Gewissen. Denn es gibt keine Website, die mich länger begleitet. Seit 20 Jahren ist Wikipedia da, genauso lang, wie ich das Internet aktiv nutze. Wikipedia ist ein großartiges, einzigartiges Projekt und alles andere als selbstverständlich. Unter den zehn am häufigsten aufgerufenen Websites weltweit ist sie die letzte nicht-kommerzielle. Mir kommt sie manchmal vor, wie ein Relikt aus den frühen, vielversprechenden, demokratischen Tagen des Internets. Und gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass diese Vergangenheit auch wieder die Zukunft sein könnte und Wikipedia immer noch da ist, wenn die werbefinanzierten Plattform-Monopole mit ihrer Gier nach Nutzerdaten irgendwann Geschichte sind.

Und um nicht nur darauf hoffen, sondern an dieser digitalen Zukunft aktiv mitarbeiten zu können, bin ich seit diesem Jahr Mitglied von Wikimedia Deutschland, dem gemeinnützigen Verein hinter der Wikipedia. Neben meinen Mitgliedsbeiträgen spende ich auch monatlich. Und Wikipedia kann jedes Engagement gut gebrauchen. Denn was für Ehrenamt in unserer analogen Welt gilt – dass es völlig selbstverständlich und für den Zusammenhalt und das Funktionieren und Gesellschaft unabdingbar ist – gilt natürlich auch in der digitalen Welt.

Für die Wikipedia sollten neben den Privatleuten auch Firmen und Organisationen als Spender mehr Verantwortung übernehmen – schließlich nutzen auch sie den Datenschatz der über 1 Milliarde Artikel, z.B. für die Verbesserung von Algorithmen oder Big Data Analysen.

Positiver Nebeneffekt der Mitgliedschaft übrigens: Der Spendenaufruf wird mir künftig nicht mehr angezeigt. Also: Happy Birthday Wikipedia, auf unsere nächsten 20 bannerfreien Jahre!

 

Zum Anstoßen passt diese Reportage:

https://www.arte.tv/de/videos/093704-000-A/das-wikipedia-versprechen/

Und wer wissen will, wie Wikimedia die Kampagne organisiert und was mit dem Geld eigentlich passiert – auch dazu gibt es natürlich einen Wikipedia-Eintrag:

https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Fundraiser-Portal/Fragen_und_Antworten

Bildquelle: Zaini Izzuddin via unsplash

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