Der Zwang zum Digitalen

Seit einigen Tagen zieht es die Menschen magisch in die wieder geöffneten Restaurants und Bars. Herrlich, dass man endlich wieder gemütlich zusammensitzen und das Leben bei gutem Essen und Getränken genießen kann. Wenn da nicht der obligatorische Check-In wäre. Egal wo ich in den letzten Tagen hingehe, immer steht da dieses Schild auf den Tischen mit dem QR-Code und dem Hinweis auf die Luca-App oder ein anderes digitales Check-In-Tool. Auf Nachfrage, ob man sich auch anders für seinen Besuch registrieren kann, wird dann schnell ein Zettel vom Block abgerissen, auf dem auch die Bestellungen notiert werden. Was ich dann darauf notieren soll und was mit dem Zettel passiert? Unbekannt.

Warum ich nicht einfach die Luca-App nutze, bin ich jetzt mehrfach gefragt worden. Weil ich Bedenken habe in Sachen Datenschutz. Oder vielleicht habe ich kein Smartphone. Und eigentlich geht das die Bedienung im Restaurant auch gar nichts an.

Diese Diskussionen nerven, aber wirklich knifflig wird es, wenn, wie neulich geschehen, der Zutritt schulterzuckend und bedauernd lächelnd verweigert wird, wenn man nicht bereit ist, sich die App zu installieren. Natürlich können Gastwirte im Rahmen ihres Hausrechts solche Vorgaben machen. Und was soll’s, dann geht man eben woanders hin. Aber defacto zeigt sich in Situationen wie dieser ein Zwang zum Digitalen, der sich ohne große Diskussionen in unseren Alltag geschlichen hat.

Jetzt werden viele aufatmen und sagen, dass Deutschland endlich aus seinem analogen Winterschlag aufwacht. Und dass die ständigen Datenschutz-Bedenkenträgerinnen und -Bedenkenträger sich endlich mal entspannen sollen. Weil wir sonst nie aus dem Status eines digitalen Entwicklungslandes herauskommen.

Doch Vorsicht: wollen wir einen solchen Zwang zum Digitalen wirklich? Im Restaurant mag man das noch akzeptabel finden, aber was, wenn ich nicht mehr ohne digitale Registrierung ins Rathaus komme? Oder wählen kann? Oder ein Konto führen? Oder ein Brötchen kaufen? Digitale Souveränität sieht anders aus. Sie bedeutet nämlich, dass man Regeln und Gebote für das Digitale aushandelt. Und das passiert im Fall von Luca, digitalem Impfpass und Co. aktuell nicht.

Welche Formen Digitalzwang annehmen kann, zeigen Bettlerinnen und Bettler in China. Die mussten vielerorts auf mobile payment umstellen. Statt ihnen ein paar Münzen hinzuwerfen, überweise ich ihnen jetzt Geld über meine Alipay Banking-App. Was dieses Beispiel auch verdeutlicht: nur die Digitalisierung an sich löst überhaupt keine Probleme. Denn Obdachlosigkeit und Armut nehmen ja nicht ab, nur weil ich den Bettelnden mein Geld digital spende. Der unreflektierte Digitalzwang, der sich durch die Coronapandemie in vielen Bereichen beschleunigt hat, schließt Menschen aus und er löst keine Probleme. Jedenfalls nicht, wenn er einfach nur ein bestehendes System 1:1 ersetzt.

Meinen Vorfall mit der Luca-App habe ich jedenfalls gemeldet. Der Verein digitalcourage e.V. hat für solche Fälle eine Website aufgesetzt: www.aktion.digitalcourage.de/digitalzwangmelder. In einem Blogartikel hat der Verein auch noch mal die ganze Bandbreite an Argumenten gegen Digitalzwang aufgeblättert: www.digitalcourage.de/blog/2021/digitalzwangmelder. Alle gemeldeten Digitalzwang-Vorfälle werden von digitalcourage ausgewertet und helfen dadurch mit, wirksame Mittel gegen Digitalzwang zu entwickeln. Und ja, natürlich kann ich einen Vorfall auch postalisch melden.

Bildquelle: Harald Groven, CC BY-SA 2.0

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