Gestalten statt Verwalten
Erstellt am: 27.05.2026
Wie wird in einer Stadtverwaltung eigentlich Wandel gestaltet? Mit dieser Frage hat sich Dr. Marie Graef in ihrer Promotion beschäftigt und uns beim After Work Austausch am 12.5. überraschende Einblicke in ihre Erkenntnisse gegeben. Ein Rückblick.
Es liegt schon im Namen: Verwaltung verwaltet, gestaltet aber nicht unbedingt, so oft die Wahrnehmung von außen. Aber, dass eine Stadtverwaltung eigentlich doch einen gewissen Spielraum haben kann, innovativ zu arbeiten und Neues auf den Weg zu bringen, zeigt die Arbeit von Dr. Marie Graef. Sie hat sich im Rahmen ihrer sozialwissenschaftlichen Promotion an der Uni Stuttgart gefragt, wie dieser Spielraum aussieht, der durch Bürokratie, Gesetzgebung, Politik und andere Faktoren maßgeblich festgesetzt zu sein scheint.
Beim After Work Austausch im stadtLABOR hat sie uns die wichtigsten Erkenntnisse aus ihrer Forschung präsentiert und überraschend waren vor allem die Ergebnisse ihrer Feldarbeit in Verwaltungen selbst und ab und an ging ein erstauntes Raunen durch den Raum und auch wir haben eine ganze Menge mitgenommen.
Wandel und Stabilität: Verwaltung kann beides
Verwaltung ist ein bürokratischer Apparat und das ist häufig negativ konnotiert: Dinge brauchen lange, werden immer gleich gemacht obwohl es auch anders oder besser geht und Menschen, die in der Verwaltung arbeiten, haben einen ganz lauen Arbeitsalltag – so oder so ähnlich geht ein verbreitetes Narrativ, das gewissermaßen der Ausgangspunkt der Arbeit war.
Doch zwei Erkenntnisse hat Marie Graef in ihrem Vortrag betont: Eine der größten Errungenschaften der Bürokratie ist es, Stabilität auch über politisch Entwicklungen hinweg zu gewährleisten und Willkür zu vermeiden – heute so wichtig wie eh und je. Bspw. werden Anträge bei der Stadt für alle Menschen gleich bearbeitet, ganz egal, wer sie sind und welchen Hintergrund sie haben.
Andererseits zeichnet sich das vermeintlich enge Korsett von Bürokratie dadurch aus, dass mit wachsender Erfahrung mehr und mehr Spielraum erkannt oder erarbeitet wird, eine der Früchte, die jahrelange Arbeit in einer Verwaltung tragen kann. Faktoren wie Ressourcen und rechtliche Rahmenbedingungen werden von Verwaltungsmitarbeitenden oft als starr wahrgenommen, mehr Spielraum sehen viele in einer Veränderung der Verwaltungskultur, der öffentlichen Meinung und bei politischen Entscheidungen. Transformative Praktiken zu finden und zu nutzen braucht oft Erfahrung und Durchsetzungswillen, gibt aber Möglichkeiten zum Handeln und Wandeln.
Die “gute” Verwaltung
Es gibt viele Vorstellungen davon, wie eine „gute“ Verwaltung sein sollte, die sich historisch immer wieder geändert haben. Derzeit fordern viele: eine Gestalterin des Wandels, der Co-Kreation und den Prozessen vor Ort. Und das ist durchaus möglich, wie Marie Graefs Forschungserkenntnisse zeigen. Denn der Spielraum, den Verwaltungsmitarbeitende haben, spielt sich oft auf einem Spektrum zwischen dem Status quo der Verwaltungskultur und einem Kulturwandel ab. In den Spannungsfeldern von Normalisierung und Außergewöhnlichkeit, von Verbindlichkeit und Offenheit sowie Daten- und Werteorientierung finden Mitarbeitende immer wieder Mittel und Wege, Wandel zu gestalten wo es auf den ersten Blick nicht möglich erscheint, zumindest nicht ohne Förderrahmen.
Das ist aber oft nicht nur eine Kulturfrage, sondern eine des herrschenden Mindsets. Prozesse wie inkrementelles Vorgehen, diplomatische (politische) Verhandlungen oder transformative Bestrebungen sollte mit Machterhalt und Neutralität abgewogen werden, nicht aber davon verhindert werden. Und das kann häufig – wenn auch nicht immer – von erfahrenden Mitarbeitenden in der Verwaltung befördert werden.
Alle, die sich eingehender für Marie Graefs Forschung interessieren, finden hier ihre Promotion.
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